Landschildkröten-Eier ausbrüten

Deine Landschildkröte hat Eier gelegt, die Freude ist groß, doch wie brütet man die Eier aus? Das ist einerseits nicht ganz so schwierig und andererseits gibt es da doch so ein paar Fallstricke.

Der Fachbegriff für das Ausbrüten von Eiern ist Inkubation bzw. als Verb inkubieren.

Brut-Temperatur

Ziel beim Ausbrüten von Schildkröten-Eiern ist es natürlich gesunde und vitale Jungtiere zu erhalten. Aber man kann durch die Inkubations-Temperatur noch mehr beeinflussen. Bei Landschildkröten ist das Geschlecht der Schlüpflinge nicht genetisch festgelegt, sondern es wird durch die Bruttemperatur beeinflusst. Man kann also gezielt steuern welches Geschlecht die Jungschildkröten haben werden. Je höher die Temperatur, desto mehr Weibchen schlüpfen aus den Eiern. Und bei der Gruppenhaltung von Landschildkröten braucht man ja viel mehr Weibchen als Männchen. Deswegen muss es beim Ausbrüten von Landschildkröteneiern immer Ziel sein möglichst viele Weibchen zu erbrüten.

Aber je höher die Temperatur während der Inkubation ist, desto mehr Anomalien entstehen auch. Diese Panzeranomalien sind unerwünscht, auch wenn sie die Schildkröten in der Regel nicht behindern. Eine Panzeranomalie ist, wenn es „Fehler“ bei den Schildern des Panzers gibt. Also zum Beispiel, dass ein Schild fehlt. Keine Sorge, dort ist dann keine Lücke, sondern die umliegenden Schilder sind einfach größer. Umgekehrt kann es aber auch sein, dass ein Schild doppelt vorhanden ist, dann ist es entsprechend kleiner.

Die Nachfolgenden Inkubationstemperaturen sind ein Kompromiss aus möglichst vielen Weibchen bei gleichzeitig möglichst wenig Anomalien:

Landschildkröten-ArtBrut-Temperatur für Weibchen
Eurasische Landschildkröten
Testudo graeca ibera
32 °C
Maurische Landschildkröten
Testudo graeca graeca
31-33 °C
Marokkanische Landschildkröten
Testudo graeca marokkensis
32-34 °C
Griechische Landschildkröten, Ostrasse
Testudo hermanni boettgeri
32-33 °C
Italinische Landschildkröten
Testudo hermanni hermanni
32-33 °C
Dalmatinische Landschildkröten
Testudo hermanni hercegovinensis
30,5-31,5 °C
Breitrandschildkröten
Testudo marginata
32-33 °C
Vierzehenschildkröten
Testudo horsfieldii
32-33 °C
Ägyptische Landschildkröten
Testudo kleinmanni
32 °C
Spornschildkröten
Centrochelys sulcata
33-34 °C
Pantherschildkröten
Stigmochelys paradalis
33-34 °C
Spaltenschildkröten
Malacochersus tornieri
30-33 °C
Quellen: Branser (2011), Ewert et al. (2004), Gurics (2017), Hennig (2020), Vinke, T. & S. Vinke (2006), Pieau (1972),

Die Brutdauer beträgt bei den obigen Temperaturen bei den Europäischen Landschildkröten etwa 55 – 80 Tage. Bei Sporn- und Pantherschildkröten 100 – 200 Tage.

Es gibt eine sogenannte Scheitelpunkttemperatur, das ist die Bruttemperatur bei der aus den Eiern genauso viele Männchen wie Weibchen schlüpfen. Dieser Scheitelpunkt ist für jede Art anders, für die Ostrasse der Griechischen Landschildkröte wird sie mit 31,5 °C angegeben (Pieau & Dorizzi 2005). Bei anderen Europäischen Landschildkröten ist sie vermutlich ähnlich. Die Theorie besagt, dass bei Temperaturen darunter mehr Männchen schlüpfen und bei Temperaturen darüber mehr Weibchen.

Sollten sich bei den Jungtieren mit den Inkubationstemperaturen aus der obrigen Tabelle mehr Männchen entwickeln als du möchtest, dann solltest du die Temperatur um 0,5 °C erhöhen und wieder gucken wie sich das Geschlechtsverhältnis entwickelt. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir nicht mit Maschienen arbeiten, sondern mit Lebewesen. Je nach Herkunft der Elterntiere kann daher eine andere Temperatur für zufriedenstellende Ergebnisse nötig sein. Außerdem solltest du dein Thermometer kritisch überprüfen.

Und wenn ich doch gezielt Männchen ausbrüten möchte?

Das ist eigentlich nicht notwendig, denn in den Auffangstationen für Schildkröten sitzen von allen Landschildkröten ausreichend Männchen. Aber, wenn es eine besondere Lokalform oder so ist, dann kann ich den Wunsch nach „passenden“ Männchen nachvollziehen. Bei 27-29 °C Bruttemperatur schlüpfen in der Regel männliche Landschildkröten.

Buchtipp

Im Buch Inkubation von Schildkröteneiern von Andreas S. Hennig* gibt es Informationen zu Inkubatoren, Brutsubstrat und Problemen bei der Inkubation. Ein wahrer Wissenschatz ist jedoch der zweite, sehr ausführliche Teil mit Inkubationsdaten zu einer Vielzahl von Schidlkröten. Unbedingte Kaufempfehlung!

Literatur

Branser, S. (2011): Langjährige Erfahrungen bei der Haltung und Vermehrung der Ägyptischen Landschildkröte, Testudo kleinmanni. – Radiata 20 (3): S. 1-32.

Ewert, M. A., R. E. Hatcher, J. M. Goode (2004): Sex determination and ontogeny in Malacochersus tornieri, the pancake tortoise. -Journal of Herpetology 38(2): S.291-295.

Gurics, G. (2017): Haltung und Zucht der Marokkanischen Landschildkröte, Freiland- und Terrarienhaltung. – Sacalia 15 (3): S. 68-78.

Hennig, A. S. (2020): Inkubation von Schildkröteneiern. – Chimaira-Verlag, 253 S.

Pieau & Dorizzi (2005): Temperaturabhängige Geschlechtsfixierung bei Sumpf-, Wasser- und Landschildkröten, Teil 2. – Marginata, 2 (1), S. 36-40.

Pieau (1972): Temperature effects on the development of genital glands in the embryos of 2 chelonians, Emys orbicularis L. and Testudo graeca L. – Comptes rendus hebdomadaires des seances de l’Academie des sciences. Serie D: Sciences naturelles, 274 (5), S. 719-722.

Vinke, T. & S. Vinke (2006): Die Vermehrung Europäischer Landschildkröten – Voraussetzungen, mögliche Schwierigkeiten und Lösungen. – in Daubner, M. & T. Vinke (Hrsg.): Schildkröten im Fokus, Sonderband Testudo, häufig gehaltene Arten. – S. 103-116. Bestellmöglichkeit: https://amzn.to/3fmj9aL*